Samstag, 5. Mai 2012



Es ist der 5. Mai und es regnet in strömen. Ich sitze im Schlafanzug am Schreibtisch und drehe mit einer Tasse Kaffee (wahlweise neben mir oder in meiner Hand) meine gewohnte Runde durchs Netz. Unsinnigerweise gehört zu dieser Runde auch mein Blog. Unsinnig weil... ich mein, ich bin schließlich selbst diejenige, die ihn nicht mehr füllt. Was soll schon groß passieren hier? (Immerhin, Blogger hat ein neues Outfit). Und heute, warum auch immer, habe ich das Gefühl, ich möchte was schreiben. Zumindest ein wenig erklären. Und vielleicht dann bald wieder irgendwo und irgendwie anfangen hier.

Die meisten von euch wissen, dass ich morgen genau vor fünf Monaten einen Schlaganfall hatte (um genau zu sein waren es zwei Hirninfarkte). Ich habe lange überlegt, ob ich das hier noch mal schreiben soll. Dem ein oder anderen ist das sicherlich too much information. Aber ein kleiner Teil von mir war lange öffentlich (neulich mal gehört: "Persönlich aber nicht privat.") und irgendwie muss (und will) ich ja begründen, warum jetzt so viele "noch nicht"s , "jetzt anders" und "nicht mehr" die Tage und auch mein "Zeichnerinnen"dasein mit bestimmen.... (Mal davon abgesehen, dass ich ja nichts getan habe, was irgendwen verschrecken könnte.)
Ja, das ist der Grund warum es hier so still ist. Mir wurden vor fünf Monaten von einer Sekunde auf die andere die Fähigkeiten ausgehebelt, zu zeichnen und zu schreiben (Lähmungen der kompletten rechten Körperhälfte. Sprach- und Konzentrationsstörungen. Mehrfachbilder und ein Gleichgewichtssinn wie schwer betrunken. Überhaupt, eigentlich ein grundsätzliches Körpergefühl wie schwer betrunken.) Es ist ja eigentlich egal, ob es vorher sonderlich professionell und toll war was ich gemacht habe, Fakt ist halt, dass es Menschen gab, die das mochten und ich tatsächlich die leise, begründete Hoffnung hatte, dass meine gerade frisch gewählte Freiberuflichkeit Sinn machen könnte.
An dem Punkt in meinem Leben, wo sich so vieles (zum Teil zum ersten Mal) richtig angefühlt hat kam also der Knockout. (Klar hatte ich meine Baustellen, aber hey, Hand aufs Herz oder was auch immer bei euch für die Wirklichkeit zuständig ist, wer bitte hat das als 33jährige Ehefrau mit zwei Grundschulkindern und gerade frisch gebackener Selbstständigkeit nicht?)

Auf der Stroke Unit (also der Schlaganfall-Station, auf der man intensivmedizinisch einige Tage an Monitoren überwacht wird) haben sie sofort mit mir begonnen, den gelähmten Arm wieder zu benutzen (und relativ schnell auch wieder zu laufen). Ich bekam in Gedanken einen Socken auf die linke Hand (mit der ich auf einmal automatisch kompensiert und sie anstatt der rechten verwendet habe) und habe einfach alles weiter mit rechts gemacht. Also, mich bemüht.
Keine Ahnung, wie oft ich seitdem an die Baby- und Kleinkindzeit meiner Jungs zurück denken musste. Die vielen verschütteten Getränke beim Einschenken und trinken, ihre ersten Versuche mit Stiften und Besteck. Und ich weiß jetzt, warum sie erst in der zweiten Klasse mit Füller schreiben und Schreibschrift lernen (die Kür der Feinmotorik schlecht hin). In der Reha habe ich an einem Abend im WDR eine Reportage über drei Kinder gesehen, die man das erste Lebensjahr mit der Kamera begleitet hat. Und Rotz und Wasser geheult, als ich gesehen habe, wie selbstverständlich sie nicht vorhandene Verknüpfungen im Gehirn einfach bilden, in dem sie Dinge immer und immer wiederholen.
Das hat mir geholfen. Und die Tatsache, dass ich mich schon mal ein bisschen mit der Hirnforschung und dem, wie Kinder / der Mensch lernt beschäftigt habe. Ich wusste/ weiß also, dass ich vor allem Dinge immer wieder und wieder tun muss, damit andere Teile meines Hirns einzelne Funktionen übernehmen oder/ und neue Verknüpfungen gebildet werden.
Ich weiß, dass ich Geduld haben muss. Dass es Zeit braucht. Dass es zwar möglich ist, vieles neu zu erlernen, aber dass die Verbindungen nie mehr so robust werden wie die, die wir als Kind bilden.

Ich hab verdammtes Glück gehabt. Wenn ihr mir heute begegnet, werdet ihr mir nicht ansehen, was passiert ist. Seit 19 Tagen habe ich offizielles Okay, wieder Auto zu fahren, ich geh wieder zum Sport und hatte vergangenes Wochenende meinen ersten Kater seit fünf Monaten.

Aber wenn ich müde werde, dann wird meine Zunge noch schwerer als davor und manchmal hau ich Wörter raus, die zwar im Grunde ähnlich sind zu dem gemeinten, aber eben nur ähnlich. Tja, und dann ist da die Feinmotorik.
Ich mach noch immer Ergotherapie (und Physio) und meine Therapeutin meinte neulich, wenn ich nicht wieder zeichnen wollen würde, sprich die alte Feinmotorik zurück haben wollen würde, dürfte ich längst zurück ins Berufsleben und ich wär "austherapiert". Immer wieder fragt sie mich: "Und Sie möchten das beruflich wirklich weiter machen?" Ich sage: "Ja." Und wir machen weiter, Woche für Woche, Welle für Welle, aber immer wieder weiter nach oben als nach unten zurück und deswegen ist es okay.
Ich mag mich nicht mehr fragen, ob ich das beruflich weiter machen möchte. Ich hatte "davor" nach langem hin und her eine Entscheidung getroffen. Und ich will das nicht schon wieder tun. Ich bin 33. Irgendwann muss es auch mal sichtbar weiter gehen.

Aber ehrlich? Ich frage mich im Stillen leider doch wieder: Will ich das wirklich?
Manchmal habe ich das Gefühl, seit dem 6. Dezember 2011 plötzlich auf die Arbeit einer Fremden zu schauen. Ich glaube, ich habe in den fünf Monaten kein mal die Frida wieder geöffnet in der Hand gehalten. Das alles ist so weit weg. Und ich bin manchmal kurz davor, bei meinem alten Studentenjob wieder anzurufen und mich in einem Call-Center anranzen zu lassen, wenn die Tageszeitung nicht gekommen ist oder Adressen zu ändern.... Und deswegen, weil diese Frage mal wieder in meinem Lebensraum steht, fällt es mir auch so schwer, dieses Blog weiter zu führen.

Vor genau einem Monat, am 6. April schrieb ich in mein Notizbuch:
"Es ist merkwürdig, wenn es dich am Ende eines Jahres trifft, in dem eigentlich endlich so viel Leben steckte. So viel Veränderung und Häutungen und andere Baustellen. So viel, was dir bewusst ist, worüber du nachgedacht und die Verantwortung übernommen hast, entschieden hast, was du davon jetzt angehen wirst und was warten kann und muss. Gleichzeitig so viel Schönes. So viel Leben und leben, Bewegung... und endlich mal das Gefühl, dass es gut ist wie es ist und werden soll.
Und wenn es dich dann trifft, wo sollst du weiter machen?
Was von dem in deinem Leben war so verkehrt, dass es so einer Konsequenz bedarf?
Neben all meinen Bemühungen (und Erfolgen) gesund zu werden und den Kopf oben zu behalten bin ich im Grunde wie vom Blitz getroffen stehen geblieben und trau mich nicht mehr weiter. Weil:
Wenn das Leben so voll ist wie meins war als es mich getroffen hat, dann kann entweder nichts davon der Grund für diese Infarkte sein (Schicksal, Zufall, was auch immer).... oder eben alles kommt irgendwie in Frage."

Dieser Gedanke "Wozu?" begleitet mich nach wie vor. Die Frage, "was, wenn nur noch die Feinmotorik rumzickt, weil du auf dem falschen Dampfer bist? Such dir endlich n anständigen Beruf."
Müßig.
Ich weiß. Aber ich wollte euch endlich mal erklären, was in mir so abläuft, während es hier still bleibt.

Ich habe mir bis Ende des Jahres Zeit gegeben. Mal schauen, wo mich die Wellen hinschwemmen. Und was aus dem Blog wird.
Aber wir lesen uns. So. Oder so.

(P.S.: Ach, was ich euch unbedingt noch sagen wollte: Vertraut nicht darauf, dass alle Rettungs-Sanitäter und Ambulanzärzte/-ärztinnen bei Facebook sind und/ oder diese "Woran erkenne ich einen Schlaganfall-Geschichte" gelesen haben. Ich habe über 24 Stunden unbehandelt in einem Krankenhaus rumgelegen mit der Diagnose "Psychosomatisch". Trotz "Schatten" auf dem Kopf-CT, Erbrechen und Schlaganfall-Symptomen wie im Lehrbuch. Nicht jeder hat trotzdem so ein verdammtes Glück wie ich.)

(P.P.S.: Langes Tippen und die Ausdauer einen Gedanken zu verfolgen, das übe ich auch noch ; ) )

Kommentare:

Martina hat gesagt…

Schön, dich wieder hier zu lesen <3. Ich bin gespannt wohin dich dein Weg führen wird. Falls du ein paar Ermutigungen in Richtung Illustratiton brauchst, meld dich ;) .... die Mädels hier im Haus würden sich alle freuen. :)

Alexandra Gentara hat gesagt…

Liebe Kim,

dein Blogeintrag hat mich sehr berührt! So wie ich Dich kenne bin ich mir aber sicher, dass Du Deinen Weg finden wirst. Und dass Dir auch das schreckliche Wetter heute nicht die Grundstimmung verregnen wird :)
Du warst auf dem richtigen Weg, Du wurdest nur vom Schicksal kurzzeitig aus der Bahn geworfen. Du wirst den Weg wiederfinden, auch wenn er jetzt vielleicht etwas steiniger und schmaler geworden ist. Du hast Glück im Unglück gehabt, wie man so "schön" sagt, aber lass Dich nicht entmutigen und mach weiter.

Liebe Grüße!

Alex

Ela hat gesagt…

Kimmi, ICH bin sicher, dass Dein eingeschlagener Weg DEIN Weg ist. Du hast so ein tolles Talent, dass MUSS richtig sein. Verlier den Mut nicht, das Schicksal hat Dir ein Schnippchen geschlagen, aber DU, DU hast ihm die lange Nase gezeigt.

und zu Deinem P.S. fällt mir nix mehr zu ein. Unfassbar

DrückDich Ela

Andrea hat gesagt…

Liebe Kim,

ich habe dich erwartet! Schön, dass du wieder "hier" bist!!!

Du wirst deinen Weg finden, wiederfinden, ganz bestimmt. Und gib dem Mahner in deinem Kopf, dem Typen mit der Forderung nach einem "anständigen Beruf" 'nen ordentlichen Tritt in den Hintern!!!

Ganz besondere Grüße für dich, Andrea

Kim hat gesagt…

<3